Strawinsky. Live. Elektro.

 

Geballte Fäuste, blaue Augen und blutende Ohren waren das Ergebnis der Uraufführung Le Sacre du Printempsvon Igor Strawinsky, einer der größten Skandale in der Musikgeschichte. Gut ein Jahrhundert später ist der einstige Publikumsschocker als Sinnbild der musikalischen Avantgarde längst zum Klassiker geworden. Was damals für „wahnsinnig gewordene Musiker*innen“ abgetan wurde, wollen wir in der Gegenwart weitertreiben: Das Orchester aus 111 Musikern setzt im Verbund mit den fünf Live-Elektronik-Künstlern, Konrad Hinsken, Alexandre Kordzaia, Joshua Lutz, Julian Maier-Hauff und Jonas Urbat Ende März 2018 in der Hamburger Elbphilharmonie und im Funkhaus Berlin neue Maßstäbe.

Mit dem Projekt sacrelektro schlägt die junge norddeutsche philharmonie eine Brücke zwischen Tradition und Innovation, zwischen Klassik und Elektro.

Damals wurde Technik in der Sphäre der Musik noch als etwas Neues und Fremdes – oftmals sogar als etwas Gefährliches und Bedrohliches – wahrgenommen, heute wird der Technik gern etwas Banalisierendes unterstellt. Doch gerade der Verzicht auf vorproduzierte Backintracks in der Produktion sacrelektro lässt die Live-Elektronik flexibel auf Impulse der Orchestermusiker*innen reagieren und lässt die beiden Pole zu einem Klangkörper verschmelzen.

In diesem Format ist moderne Klassik, Elektronik, Tanzen und Chillen verbunden und verbindet. Vielleicht ein Klassik-Modell der Zukunft.

So klingt Brandenburg

"Kunstvoller Kontrast: inmitten der Ku’dammhektik des Breitscheidplatzes wirkt das Innere der Neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche an diesem Abend wie ein Raumschiff. Das Licht ist gedämpft; allein das blaues Schimmern der Glasfassade erhellt den Raum. Neben dem Gemurmel der Gäste ist Gezwitscher aus allen Ecken des Oktagons zu hören. Plötzlich wird der Vogelgesang plastischer. Der Raum verstummt. Köpfe wenden sich, Arme hängen über Lehnen. Hinter den Stuhlreihen haben sich Streicher im Dunkeln positioniert, ganz in schwarz, und stimmen durch kurzes Streichen und Anschlagen der Saiten in das Naturkonzert ein. Mit langsamen Schritten tragen sie Ihre Mimesis durch die Zuschauergänge nach vorn und lenken dabei die Blicke auf eine Leinwand. Dort zu sehen: nebelverhangene Seen und Wälder, die Schönheit Brandenburgs.

So wohlinszeniert präsentieren sich die landesgeförderten Festspiele Mark Brandenburg beim einzigen Berlinkonzert ihrer ersten Spielzeit. Manuel Denger, Kreativdirektor, Intendant und Dirigent, setzt dabei auf die Kraft des Unkonventionellen und hat, neben namhaften Nachwuchssolisten, mit Jonas Urbat einen Klang- und Konzeptkünstler engagiert, der dem klassischen Programm mit Naturaufnahmen diese cinemastische Wendung gibt.

Der Effekt wirkt, denn als Violinist Tobias Feldmann im Scheinwerferlicht zum ersten Solo in Bartóks Rumänischen Volkstänzen ansetzt, hat man sich schon längst bereitwillig von der Stadt auf das Land entführen lassen."

Quelle: Tagesspiegel